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PALLIATIVE ATEMTHERAPIE
VON
IRA SUMMER
Im Rahmen der Fachtagung der Bayerischen Stiftung Hospiz wurde ich gebeten die Palliative Atemtherapie vorzustellen und für Interessierte einen erweiterten Text fürs Internet zu schreiben.
GESCHICHTE DER ATEMTHERAPIE
Die Atemtherapie, von der hier die Rede sein soll, basiert auf einem Wissen
über den Atem, der in vielen alten Kulturen und Religionen bekannt war.
Sie hat sich in unserem Kulturkreis zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt,
als sich westliche Atemlehren mit östlichem Atemheilweisen und den Reform- und
Gesundheitsbewegungen von Frauengymnastik, Tanz und Stimmbildung begegneten. Am
Ausbau dieses Weges sind bis heute Medizin, Psychologie und Philosophie
gleichermaßen beteiligt.
Wenn im klinischen Umfeld von Atemtherapie gesprochen wird, ist damit zumeist ein Teilbereich der Physiotherapie und der Krankengymnastik gemeint. Dieser Bereich der Atemtherapie beschäftigt sich hauptsächlich mit vorhandenen Krankheiten und ihrer Heilung. Des Weiteren wird sie zur Prophylaxe, Regeneration und Rehabilitation eingesetzt.
EIGENSTÄNDIGE THERAPIEFORM
Die erst genannte Atemtherapie ist eine eigenständige Therapieform für den
Einzelnen oder für die Gruppe. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wird sie in
mehreren Lehrinstituten in Deutschland gelehrt und praktiziert. Die bekanntesten
und ältesten Schulen sind das Institut der Professorin Ilse Middendorf in
Berlin, und in München das Atemhaus von Herta Richter, wo ich meine
Atemausbildung erhielt.
Die verschiedenen Atemschulen sind seit 1960 in einem Dachverband AfA
(Arbeitsgemeinschaft für Atempflege) zusammengeschlossen.
Die Atemausbildung orientiert sich nicht an gängigen Gesundheitskonzepten und auch nicht an physiologischen Normen vom "richtigen Atmen". In ihrem Mittelpunkt steht der "ganze Mensch". Körper, Seele und Geist werden im Sinne der humanistischen und der Jung´schen Psychologie als eine Einheit angesprochen. Ein Ziel ist, diese Einheit bewusst zu erfahren und sich in einem ganzheitlichen Sinne wohl, bzw. "heil" zu fühlen.
EINE KURZE BETRACHTUNG DES ATEMS
Der "Atem" steht mit "Leben" in untrennbarer Verbindung. Er begleitet uns vom
ersten Einatem bei der Geburt bis zum letzten Ausatmen beim Tode.
Diesem "Atem" werden von jeher Wesens- und Wandlungskräfte zugeschrieben, die
sich unserer gewohnten Begrifflichkeit entziehen und auf geistig- jenseitiges
verweist.
Die alten Sprachen der Völker gaben dem "Atem" vielfältige Bedeutungen wie:
Wind, Seele, Geist und Gedanke, auch Gott und Wort. Im Pneuma, d.h. im
Zwerchfell wurde der Sitz der Seele vermutet. Gottvater hauchte dem ersten
Menschen Adam den Lebensodem ein-. Der Begriff "Chi" der chinesischen Sprache
bezeichnet alle Lebensäußerungen schlechthin und Buddha soll gesagt haben: "Das
erste ist der Atem".
Es ist anzunehmen, dass in den alten Religionen wie Buddhismus, Taoismus u.a.
Techniken bekannt waren, die die Transformation des Bewusstseins beim
Sterbeprozess anstrebten. Zu diesen Techniken gehörte zweifellos der Atem, der
schon in sich bereits ein Symbol des Übergangs ist.
ATEM UND GESUNDHEIT – ATEM UND KRANKHEIT
Medizin und Wissenschaft verfügen heute über umfangreiches Wissen über die
menschliche Atmung, über Erkrankung und Heilung der Atmungsorgane. Das
Stickstoff-Sauerstoffgemisch, das wir einatmen, wird erst zum "Atem", wenn wir
uns diesem Vorgang bewusst zuwenden und als eigenen Lebensprozess erkennen. So
grundlegend die Atmung bzw. der Atem für das eigene Leben ist, beachten wir ihn
zumeist nicht. Warum sollten wir auch. Wir atmen im Wachsein und im Schlaf.
Der "gesunde" schwingungsfähige Atem kann auf alle Wahrnehmungen von Innen,
Empfindungen, Gefühle und Gedanken, als auch auf Wahrnehmungen von außen
ausgleichend antworten, d.h. der Atem verhält sich in jedem Moment entsprechend
der Gesamtsituation des Menschen. Der Atem gibt sich spontan und ganz
individuell verschieden, doch immer im Sinne einer ausgleichenden,
gesundheitsfördernden Balance, der sich im natürlich schwingenden Atemrhythmus
zeigt.
Viele Menschen leben unbewusst, manche nehmen den eigenen Atem erst wahr, wenn
etwas nicht mehr recht stimmt damit.
Wir kennen dies möglicherweise selbst: Manchmal fühlen wir uns überfordert, sind
müde und können nicht mehr durchatmen, oder wir spüren wie wir automatisch die
Luft anhalten. Der Atem stockt, oder er beginnt kurzfristig hektisch zu rasen,
aus Angst oder auch aus Freude. Anhaltende Atemstörungen verweisen auf eine
Störung des psychosomatischen Gleichgewichts und bedürfen der ärztlichen
Konsultation.
Glücklicherweise scheint sich etwas geändert zu haben, unsere Zeit ist reifer
geworden für einen bewussteren Umgang mit dem Atem. Heute ist die Atemtherapie
als Einzelbehandlung oder Gruppenarbeit weitverbreitet. Sie wird in Praxen
angeboten, in Institutionen der Gesundheits- und Erwachsenenbildung, in
einzelnen Kliniken und in jüngster Zeit in Palliativstationen und Hospizen.
VON DER KLASSISCHEN ZUR PALLIATIVEN ATEMTHERAPIE
Die klassische Atemtherapie ist eine Therapieform, die den Menschen auf dem
Weg seiner persönlichen Reifung begleitet und ihn auf der Suche nach sich selbst
unterstützt. Durch Entwicklung von Autonomie, Identität und Selbstgestaltung aus
dem eigenen Wesen begleitet sie Geburtsprozesse in das Leben hinein.
Die "Palliative" Atemtherapie baut auf der klassischen Atemtherapie auf und
erweitert sie. Sie unterstützt Schwerkranke und Sterbende, sowie ihre
Angehörigen in ihrem Wandlungsprozess am Lebensende, gibt lindernde
Hilfestellung bei den kleinen und großen Abschieden und begleitet den Übergang
in einen anderen Seinszustand.
ENTWICKLUNG DER PALLIATIVEN ATEMTHERAPIE
Dass Atemtherapie auch für die Schwerkranken und Sterbenden einer Palliativstation/Hospiz hilfreich sein kann, wurde in den neunziger Jahren, eher "zufällig" entdeckt. Im Sommer 1996 hospitierte ich als Hospizhelferin und Pflegeaushilfe auf der Palliativstation. In dieser Zeit ergab es sich, dass ich zu schwierigen Situationen gerufen wurde: zu Patienten in Angst und Atemnot, zu unruhigen und schmerzgeplagten Patienten. Der Einsatz atemtherapeutischer Elemente war hilfreich für sie. Durch Rückmeldungen der Patienten selbst und durch die Beobachtungen des Teams, wurde ein Stein ins Rollen gebracht.
Das Leitungsteam der Palliativstation Johannes von Gott am Krankenhaus der
Barmherzigen Brüder in München, engagierte als erste Einrichtung ihrer Art 1996
eine frei praktizierende Atemtherapeutin zur Mitarbeit auf Station. Inzwischen
arbeite ich dort im 9. Jahr und konnte viel praktische Erfahrungen machen. Seit
der Eröffnung des Johannes Hospiz im September dieses Jahres betreue ich auch
die Patienten dort. Das Beispiel meiner Palliativstation hat Schule gemacht,
heute sind auf allen Palliativstationen und Hospizen in München
Atemtherapeutinnen tätig und anerkannt.
Seit 2 Jahren treffen wir uns, 3 Atemtherapeutinnen unterschiedlicher
atemtherapeutischer Schulen und Zusatzausbildungen, regelmäßig zur
Forschungsarbeit, Austausch und gegenseitiger Unterstützung.
Um unsere Arbeit der allgemeinen Atemarbeit gegenüber klarer zu differenzieren,
bezeichnen wir unsere Tätigkeit im interdisziplinären Team der
Palliativeinrichtungen und Hospize seit 2003 als Palliative
Atemtherapie.
DIE PRAKTISCHE ARBEIT
Erstkontakt
Das tägliche Lern- und Arbeitsfeld der Palliativen Atemtherapie ist die
Arbeit mit den Patienten. Wir behandeln Menschen, die von irreversiblen
Krankheiten betroffen sind und wissen, dass sie unausweichlich bald sterben
müssen.
Die Patienten und Patientinnen haben zumeist eine lange Krankheits- und
Leidensgeschichte hinter sich. Sie sind bettlägerig, schwach und gebrechlich,
fühlen sich oft nutzlos und als Last für ihr soziales Umfeld. Häufig ziehen sie
sich zurück und wollen nur noch sterben.
Atemtherapie ist ihnen zumeist fremd; sie können sich gar nichts darunter
vorstellen. Einige erinnern sich an Atemgymnastik oder an das "gebremste
Ausatmen", das sie in der Rehabilitationsklinik gelernt haben.
Der Erstkontakt mit ihnen kommt daher meist durch Vermittlung des
interdisziplinären Teams zustande.
Linderung
Unsere erste Aufgabe, und die wunderbare Möglichkeit der Palliativen
Atemtherapie ist, die vielfältigen körperlichen Nöte und Beschwerden der
Leidenden zu lindern. Besonders angezeigt ist sie bei allen Atemnöten, Ängsten,
bei unruhigen, nervösen, auch komatösen Patienten, Patienten mit starker
Verschleimung und Husten, Verspannungen, Durchblutungsstörungen,
Bewegungseinschränkungen, Versteifungen.
Hier versuchen wir lindernd, lösend und entspannend einzuwirken, Raum und
Möglichkeiten zu schaffen, den Körper oder einzelne Körperbereiche auch wieder
als wohlig und angenehm zu empfinden.
Darüber hinaus will der schwerkranke, sterbende Mensch in seiner individuellen
Persönlichkeit mit seiner ganz eigenen Erkrankung und wie er damit umgeht und
lebt, verstanden und angenommen werden. Sein Prozess und der seiner Angehörigen
verlangt, dass wir für seine Biografie, seine Gegenwart und seine Zukunft so
weit als möglich offen sind. Alles was diese Lebenssituation ausmacht, ist
anzunehmen und mit ein zu beziehen.
Berührung
Eine gute Möglichkeit Patienten in ihrer extremen Lebenssituation zu erreichen ist die Berührung. Berührung und Wahrnehmung ist das wesentliche Element unserer Arbeit.. Sie ist achtsam und sanft, und muss nichts "tun", ist also frei von jedem Zweck. Sie "meint" den ganzen Menschen und lädt ihn ein sich unter der Hand zu fühlen, oder dort wo sich der Atem ausdehnt, Gefühle weckt und manchmal auch auf andere Gedanken, zur Ein-sicht und zum Erkennen bringt. Wir erfahren zumeist, dass auch der schwächer werdende und schmerzende Körper der Patienten diese Berührung gerne annimmt.
Erleben
Ganz individuell verschieden erleben und äußern sich unsere Patienten zur
Behandlung:
Ich fühle mich gut, angenehm, leichter, schwerer, entspannt, geborgen... ich
fühle mich rund, ich fühle mein Bein wieder...ich kann meinen Atem spüren!...der
Atem ist tiefer , leichter, weniger anstrengend, ich fühle mich wohl, so möchte
ich sterben. Ein Herr mittleren Alters, den ich vor zwei Tagen in seinem Stuhl
sitzend behandelte, schien diese Berührung besonders intensiv aufzunehmen. Am
Ende der kurzen Behandlung sagte er: "So will ich nun sitzen bleiben, bis sie
wieder kommen." Er meinte am Mittwoch, 2 Tage später!
Erfahrungen
An diesen Aussagen ist deutlich, dass die Berührung der Palliativen
Atemtherapie nicht an der Körpergrenze endet, sondern auf alle Sinne und die
Gefühle umfassend wirkt. Inmitten beunruhigender Wahrnehmungen entstehen "Inseln
des Wohlgefühls", die dem Patienten auch zu anderen Zeiten Zuflucht bietet.
Der Behandlung folgt, wenn möglich ein kurzes Gespräch, das die augenblicklichen
Empfindungen differenzierter ins Wort bringt. Das ist nicht leicht. Die häufigen
Aussagen "angenehm" oder "gut" werden auf tiefere Gefühle, Haltungen und
Gedanken hinterfragt, und können so in das erweiterte Bewusstsein dringen. Im
Prozess regelmäßiger Behandlungen, ist auch Raum für "schwierige" Gefühle wie
Angst, Wut und Aggressionen, Trauer, Schmerzen, Niedergeschlagenheit, Unruhe,
Rückzug, Verwirrung. Diese Gefühle sind eng mit den körperlichen Nöten
verbunden, sie bedingen sich. Alle Gefühle haben ihre Berechtigung und brauchen
Raum um sich auszudrücken. Sie sind notwendig, um sich mit sich selbst und der
gegebenen Situation auseinander zu setzen.
Rückzug z.B. sehen wir als ein sich nach Innen wenden, ein sich immer mehr aus
dem Alltag , aus den weltlichen Realitäten und Anforderungen herauszulösen, um
den Sterbeprozess bejahen zu können.
DIALOG
Die Palliative Atemtherapie ist jedoch auch ein stiller Dialog, der keine Worte braucht. Die Hände sprechen und die Antwort wird durch achtsames "lauschen" vernommen. Dadurch ist sie auch für Patienten geeignet, die nicht länger gewillt, oder in der Lage sind zu sprechen.
JEDE BEHANDLUNG KANN DIE LETZTE SEIN.
Krankheits- und Sterbeprozesse sind unberechenbar, stark wechselnd oder schnell fortschreitend. Wir wissen nie wie wir unsere Patienten vorfinden und wie lange sie noch bei uns sein werden, jede Behandlung kann die letzte sein.
TEAMARBEIT
Die Palliative Atemtherapie ist ein professionell- therapeutischer und auch
sehr persönlicher Prozess. Er steht für sich allein, vollzieht sich jedoch in
der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist das interdisziplinäre Team, das in
vielfältiger Weise zusammen wirkt und sich gegenseitig unterstützt.
In unserem Zentrum steht der Mensch, der uns voran seinen letzten Weg geht. Wir
begleiten ihn auf diesen Weg, doch am Ende bei seinem/ihrem Tod bleiben wir
zurück. Mir scheint, dass der Tod, diese geheimnisvolle Türe durch die wir eines
Tages auch gehen werden, uns auf einer tieferen Ebene verbindet.
EIN ARBEITSTAG
Während einer Arbeitswoche behandle ich an drei Tagen jeweils 5 bis 7 Patienten, manchmal auch mehr, besuche einmal wöchentlich die Übergabe und Supervision, führe Gespräche, auch mit den Angehörigen und integriere mich jeweils neu in das stets wechselnde Geschehen und Stimmung der Station.
VERARBEITUNG
Zur Verarbeitung meiner Begegnung mit den Schwerkranken und Sterbenden, hilft mir unter anderem das spontane intuitive Schreiben. Solcher Art sind die folgende Fallbeispiele. Sie sind gekürzt, ganz subjektiv und haben keinen Anspruch an Inhalt und Sprache. (Alle Namen sind geändert)
FALLBEISPIELE
Sr. Rosa. schickt mich zu Herrn Frei, der an diesem heißen Tag in seinem
Bett auf der Terrasse liegt. Er habe eine Art Schluckauf. Bevor sie ihm jedoch
ein Medikament geben will, soll ich versuchen diese unangenehme Symptom (eine
Begleiterscheinung von Bauchtumoren) zu lindern.
Die Kontaktaufnahme mit dem älteren Herrn ist leicht, er erzählt über seine
häufigen Bauchschmerzen. Schon im Zuhören berühre ich sanft seinen aufgeblähten
Leib, lade ihn ein nach Innen, zu sich zu gehen und seinem Atem zu spüren.
Bald wird sein kurzer unrhythmischer Atem tiefer und ruhiger, er sagt es wird
leichter. Plötzlich jedoch, wird sein Leib von Gefühlen erschüttert, er weint. .
Er erinnert sich an Lektionen des Autogenen Trainings, die ihm einmal in einer
Lebenskrise sehr geholfen haben. Ich unterstütze ihn im Ausdruck seines Gefühls
und als dieses verebbt, wieder zu seinen Atem ganz im gegenwärtigen Moment zu
kommen. Er lässt sich noch tiefer in die Atembehandlung ein und lächelt, als ich
einige Formeln des Autogenen Trainings zu ihm spreche. Nun wird sein Ruheatem
eine Spur kraftvoller. Der Schluckauf ist fast verschwunden. Mir scheint, dass
Herr Frei dank seiner Erinnerung jetzt mit stärkenden Gefühlen verbunden ist.
Nach der Behandlung liegt er noch lange sehr entspannt unter den Bäumen und
scheint zu schlafen.
Unabhängig von der Erkrankung bietet einfühlsame Berührung, geführte Bewegungen und Atembegleitung fast immer Linderung der "Liegeschmerzen", ein diffuses Unwohlgefühl, das von der langen Bettlägerigkeit verursacht wird. Durch den Bewegungsmangel wird die Muskulatur unterversorgt, sie verhärtet und/oder atrophiert, Wirbelsäule und Gelenke versteifen. Dies betrifft besonders den Rücken und die Extremitäten.
Herr Roth hat ein Lungencarzinom. Er ist ein starker Raucher und von
erschreckender Magerkeit. Nur mit äußerster Anstrengung bekommt er genug Luft,
er braucht ständig Sauerstoff. Zusätzlich hat er ohne erkennbaren Grund Anfälle
von Atemnot. Mit seinem ganzen Wesen drückt er aus "ich habe keine Lust mehr,
mir steht es bis hier.". Durch "glückliche Umstände" sind wir in Kontakt
gekommen. Mit Atembehandlung konnte er nichts anfangen, doch den Rücken durfte
ich anfassen. Seither, wann immer ich mich seinem Bett nähere, flüstert er
"Massage" und dreht sich so, "dass ich gut hinkomme". An seinem Thorax ist
nichts Weiches mehr, um so mehr scheint er die Sanftheit des Streichens, die
leichten Druckeinwirkung, das Halten, Lockern, den berührenden Kontakt zu
genießen, denn er brummt und nickt, wenn es sich gerade richtig anfühlt. Ganz
nebenbei entsteht die ausgleichende Wirkung auf den Atem, er vertieft sich
etwas, der Ausatem wird länger.
Ich behandelte ihn regelmäßig, auch als er sich sprachlich nicht mehr äußern
konnte, wusste ich, dass er mein Dasein wollte. Bald darauf fand ich ihn nicht
mehr, er war gestorben...
Lernprozesse
Die Qualität der annehmenden Berührung unterläuft hier die gewohnten
Reaktions- und Verhaltensmuster, verbindet den Atem mit den Gefühlen und
ermöglicht damit Erfahrungen zu machen wie: ich muss nichts mehr tun, keine
Erwartungen mehr erfüllen, ich darf nun sein wie ich gerade bin, und bin
trotzdem, oder gerade deswegen auf und angenommen.
Es entsteht Raum und die Freiheit für neue Einsichten und es ist möglich,
bewusst oder unbewusst, tiefer zu gehen, eine Aussöhnung mit sich selbst und dem
Schicksal zu erlangen.
Frau Wald, 1. Behandlung
Dr. B. schickt mich zur neuen Patientin mit Darmkrebs. Die Patientin sei
verzweifelt und suche nach einer Perspektive. In der Reha, von der sie zu uns
kam, fühlte sie sich ganz fehl am Platz, sie sagte, "die konnten mit meiner
Krankheit nicht umgehen".
Frau W. eine ältere, gepflegte Dame liegt in Tageskleidung im Bett. Außer ihren
Augen wirkt alles an ihr leblos und zurückgenommen. Ihre Stimme ist fast
unverständlich leise, der Atem im oberen Bereich fest gehalten. Durch eine
ungeschickte Frage meinerseits beginnt sie weitausholend ihre Krankengeschichte
zu erzählen, in der Enttäuschung eine große Rolle spielt. Sie möchte doch so
gerne noch für ihr Kind (eine Tochter, 26 Jahre) und ihr Enkelkind da sein, mit
dem Gehwagen wieder zu gehen...
Ich unterbreche sie und lade sie ein, nun für sich selbst da zu sein, meine
Berührung und ihren Atem zu spüren. Es braucht viel Geduld um ihre Wahrnehmung
in ihrem Körper zu halten. Darum spreche ich auch immer wieder unterstützende,
motivierende Worte. Als meine Hände unter ihrem Rücken sind sagt sie leise, dass
es angenehm ist, leichter und genauer, dass sie nicht soviel denken muss. Ihre
wachsende Atemresonanz, ihr tieferer Atem und ein Anflug von Lächeln, motiviert
mich zu weiterer Aktivierung.
Wir sind nun gemeinsam in einer kreativen, lebensmotivierenden Arbeit verbunden.
Ich spüre ihre Beckenkraft und geleite diese in ihre Beine. Es ist spürbar, dass
sie sich bewegen wollen.
In den Übungspausen "erfindet" sie neue Bewegungen. Der Atem vertieft sich in
den Beckenraum, spontane tiefe Atemzüge mit verlängertem Ausatem befreien ihren
Atem. Um die Patientin nicht zu überfordern beende ich die Behandlung und rege
sie an die Übungen immer wieder zu wiederholen, das Sitzen an der Bettkante zu
üben.
Während ich mit der Bettnachbarin spreche, setzt sich Frau Wald aus eigenem
Antrieb an die Bettkante. Dies regt mich zu einem weiteren Schritt an. Frau Wald
soll sich auf ihre Beine stellen. Trotz unbequemer Schühchen tut sie es und geht
dann mit mir aus dem Zimmer hinaus auf den Flur. Sie will gehen und sie kann es,
da sie ihre ängstliche Zurückhaltung zurückgelassen hat. Auf dem Flur ist sie
von all dem Schönen begeistert und dreht und wendet sich stolz und zufrieden in
alle Richtungen.
An dieser Behandlung zeigt sich dass vor der Mobilisierung die Motivierung steht. Der Atem mit seiner lebendigen energetisierenden Kraft bewegt zuerst den inneren Menschen und lässt ihm den tragenden Atemrhythmus bewusst werden. Entspannung, oder genauer die eutonische Spannungslage des Muskel- und Skelettsystems fördert die natürliche Bewegungslust, die sich den Nerven Muskeln und Gelenken mitteilt. Es entstehen neue Bewegungsspielräume die einschränkenden Gedanken, und Ängste "leichter" werden lassen. Schließlich optimiert die Rückeroberung ursprünglicher Fähigkeiten alle Sinne, steigert Lebensfreude und lindert Schmerzen.
Häufig sind auch krankheitsbedingte Schwellungen der Extremitäten. Ihre Schwere kann mit den sanften Streichungen gemildert werden. Gleichzeitig kann durch die symptomatische Behandlung der tiefere ganzheitliche Atemkontakt aufgebaut werden.
Auch dazu ein Beispiel:
Unsere Ärztin schickt mich zu einer 80 jährigen neuen Patientin mit
Dyspnoe bei Bronchialcarcinom. Etwas widerwillig ist sie bereit für eine
Behandlung, eigentlich sind es "nur" die geschwollenen Knöchel, die sie stören.
So beginne ich die Behandlung mit sehr sanfter rhythmischer Berührung der Beine
in Ausrichtung auf ihren Atem. Sie empfindet dies angenehm und erleichternd, und
beginnt sichtlich zu vertrauen, indem sie ab und zu die Augen schließt. Die
eigentliche Atembehandlung kann beginnen. Rasch geht sie in die Tiefe, und
findet im Rücken unbekannte Ressourcen von Atemraum- und weite. In kurzen
Zwiegesprächen beschreibt sie staunend ihr ganzheitliches Erleben. Ihr
Gesichtsausdruck hat sich eindrucksvoll verändert. Es ist weich und wissend
geworden. Aus dieser Erstbehandlung entwickelte sich ein therapeutischer Prozess
von ca. 8 Behandlungen. Die Patientin stabilisierte sich körperlich und
seelisch, so dass sie nach Hause gehen konnte und dort friedlich starb.
DAS FAMILIENSYSTEM
Eine lebensbedrohliche Erkrankung betrifft die ganze Familie. So weit es möglich ist, beziehen wir die Angehörigen, ( das sind alle, die sich auf den Prozess einlassen und die Krankheit mittragen) in die Arbeit mit ein. Angehörige lernen, wie notwendig die eigene Ruhe und das Gewahrsein des eigenen Atems ist. Damit können sie ihre Lieben unterstützen und fühlen sich weniger hilflos. Gemeinsames Atmen, das den lösenden Ausatem und die Atempause bejaht, ist Verbindung und Ent-Bindung gleichzeitig, eine tiefe intime Begleitung des Sterbens.
STERBEBEGLEITUNG
Wie bei der natürlichen Geburt so beim Sterben fällt dem Atem eine besondere
Rolle zu. Die Palliative Atemtherapie ist dabei dieses Neuland zu erforschen.
Auf welcher Ebene wir auch immer behandelnd wirken, die Heilung, die durch die
Palliative Atemtherapie angeregt und begleitet wird, liegt in einer tieferen
Annahme des So-Seins, des Unabwendbaren und des großen Rhythmus des Lebens von
Werden-Sein-Vergehen.
Wenn es uns gelingt, ohne Angst in eine innere Verbindung mit dem Sterbenden
hineinzugehen ist es möglich ihn von der Anstrengung des "wollenden Einatmens"
über die Schwelle zum "lösenden Ausatem" zu geleiten. Die Ruhe hilft dem
Menschen, der Kraft des Herauslösens und Fortschreitens im Sterbeprozess zu
folgen. Manche Sterbende können wir auf dem Weg zum "Tor" geleiten. Wenn er dort
scheinbar in der Atempause bleibt, der Atem "endet" ist es für uns Lebende
wichtig bewusst weiter zu atmen.
Dazu ein Bericht einer Sterbebegleitung, die mich sehr bewegt hat:
Frau Kurz, 2. Besuch.
Frau Kurz ist sterbend. Sie liegt bewegungslos auf dem Rücken mit nach oben
gedrehten, halboffenen Augen. Ihr Atem ist schwer und kämpferisch, ziehender
Einatem wechselt ab mit stöhnendem krampfartig hinausgestoßenem Ausatem. Jeder
Atemzug erschüttert ihren ganzen schweren Körper. Ihr Kopf ist rot vor
Anstrengung, kalter Schweiß steht auf der Stirn.
Der für Frau Kurz zuständige Pfleger meint ich solle zur Patientin gehen, da es
bisher nicht gelungen ist die Not medikamentös zu erleichtern.
Im Zimmer der Patientin sprechen 2 Besucherinnen von Frau Kurz, aufgeregt und
laut miteinander. Sie sind froh, dass ich komme, denn sie sind von der Atemnot
ihrer Freundin überfordert. Zuerst fühle ich es notwendig für Ordnung und Ruhe
im Raum zu sorgen, alle müssen sich setzen und still werden. Nachdem die auch
für mich notwendige Sammlung eingetreten ist, lasse ich mich auf Frau Kurz ein.
Dies übersteigt fast meine momentane Kraft, doch sie wird mir gegeben. Mit
minimalster Berührung berühre und halte ich den Kopf der Patientin, ich trage
ihn, doch eher mit gedanklicher als realer Kraft. Ich töne den Atem zu ihrem
Ohr, bin ganz stützend und tragend, nichts weiter.
Ich trage die Schwere von Leib und Lebenskampf mit hinüber über die Kuppe zum
Ausatem. Immer wieder. Es ist ein langer Weg, zuweilen hole ich mir Kraft im
Garten, oder bei den Kolleginnen im Stationzimmer. Innerlich richte ich mich zum
orangefarbenen Licht der Salzlampe aus, die hinter dem Kopf von Frau Kurz steht.
Visualisiere helles Licht um ihren Übergang, die Lösung zu begleiten. Bei der
Mundpflege ergreift Frau Kurz das feuchte Stäbchen mit den Lippen, das soll die
letzte sichtbare, aktive Bewegung sein.
Inzwischen hat sich der Prozess gewandelt, der Kampf ist verebbt, denn der
lösende, befreiende Ausatem hat die Führung übernommen.
Die Freundinnen der Patientin kommen liebevoll und unterstützend näher, sie
scheinen ihre Angst verloren zu haben.
Ganz verbunden darf ich, dürfen wir nun ihre Seele begleiten, die sich Stückchen
für Stückchen aus dem Körper, wie bei einer Geburt herauslöst und jeder Schritt
vertieft spürbar ihre jetzt elementare Hingabe. Längst weiß ich nicht mehr was
zu tun ist, bin nur da, ganz dem Prozess zur Verfügung. Ich singe und klage den
Atem und durchschreite hinter geschlossenen Augen zeitlose Seelenwelten. Vor der
offenen Balkontüre sitzt ein kleiner Junge auf der Bank, spielt und plappert
munter vor sich hin.
In kleinen Schlückchen nimmt Frau Kurz den Einatem, dann nippt sie ihn nur noch.
Ihr Ausatem geht wie ein Hauch. Zuletzt ist ein Wiegen in der Kehle und sanfte
Bewegungen der Lippen. Kein neuer Einatem mehr. Eine atemlos tiefe Stille
breitet sich aus, tiefer Frieden, liebevolles Geleit der Seele, Übergang. Wir
bleiben staunend und dankbar zurück.
Kontaktadresse:
Ira Summer, Ainmillerstrasse 20, 80801 München
Tel. 089/341419
Ira.Summer@t-online.de
Dienstadresse:
Palliativstation am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder
Romanstr. 93 80639 München, Tel. 089/ 17972035
und
Johanneshospiz, Notburgastr.4c, 80639 München Tel. 089/ 179593-10




