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Frank Kittelberger
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Der Affe auf dem Baum
Was leistet Supervision in der Hospizarbeit?
Vortrag anlässlich der 3. Fachtagung der Bayerischen Stiftung Hospiz am 14.10.2003 in Lichtenfels
(I) Einleitung
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Oft sind es die Menschen, die im Zoo am interessantesten wirken. Man stelle sich
nur neben einen verglasten Affenkäfig und beobachte die großen und kleinen
Besucher, die sich über die Tiere hinter der Scheibe freuen. Sie gucken und
schneiden seltsame Grimassen hin zur Scheibe, sie klopfen und rufen und sind
ganz gefangen von dem, was sie da sehen. Gerade so, als hätten sie etwas wieder
erkannt.
Der Betrachter denkt sich: Das muss faszinierend sein.
Ich werden im Laufe dieses Vortrages auf dieses Wiedererkennen zurückkommen.
Doch nun drehen wir das Bild mal um. Es wird ja schon lange gemunkelt – meist
in Fabeln – dass es in Wirklichkeit die Tiere sind, die uns beobachten und auf
der anderen Seite der Scheibe quasi selbst in den Zoo gehen und ihre helle
Freude an uns Menschen haben. So hört man gelegentlich.
Darauf muss ein Vorstandsmitglied eines bayerischen Hospizvereines
zurückgegriffen haben. Denn als wir im Mai im Bayerischen Hospizverband zusammen
saßen, erzählte dies eine Kollegin: In ihrem Verein habe kürzlich einer gesagt
"Supervision – das ist doch wie wenn da ein Affe auf dem Baum sitzt und die
Gruppe unter sich aus luftiger Höhe betrachtet und sich über ihr Treiben so
seine Gedanken macht".
Nachdem ich das gehört hatte, wusste ich zumindest den Titel für meinen
Vortrag. Und vielleicht ist es sogar mehr als nur ein Zeichen von Unwissenheit
oder Befremden, wenn jemand die Supervision derart beschreibt.
Ich will dem nachgehen.
- Ich werde in diesem Vortrag (I) einige einleitende Bemerkungen zur Supervision allgemein und speziell zur Supervision im Feld helfender Tätigkeiten machen.
- Ich werde dann (II) beschreiben, was Supervision ist.
- Dann will ich (III) der Kernfrage dieses Vortrages nachgehen und erläutern, was Supervision in der Hospizarbeit leistet.
- Abschließend werde unter ich (IV) einige Anmerkungen dazu machen, wie und wo man SupervisorInnen findet und worauf man achten sollte. Nicht überall, wo Supervision draufsteht, ist das drin, was wir in der Hospizarbeit brauchen. Ich will gegen Ende also sozusagen den Affen vom Baum holen und in den Dialog einbinden. Vielleicht – um im Bild zu bleiben – sind wir ja beide "auf Besuch" im Zoo: Betrachter und Betrachtete, Supervisoren und Supervisanden.
Ich werde in diesem Vortrag die weibliche und die männliche Sprachformen bunt
mischen und damit vermeiden, dass ich nur die männlichen verwende und die Frauen
einfach "mitgedacht" werden müssen. Ich vermeide damit aber auch die "...Innen",
deren groß gedrucktes "I" man bei einer Rede sowieso nicht hört.
Wenn ich also "die Supervisorin" sage, kann das auch ein Mann sein - und
umgekehrt.
BERNHARD HEILMANN hat Supervision einmal als eine Tugend in der Hospizarbeit
beschrieben. Zwar wird Supervision immer noch unterschiedlich häufig angeboten
und wahrgenommen, aber sie hat Bedeutung. In manchen Vereinen und in ganzen
Regionen ist sie inzwischen Standard. Es geht in der Sterbebegleitung um
Menschen. Es geht um Begegnung, zu deren Gelingen oft nichts anderes beitragen
kann, als die Person. Zwar hat die Palliativmedizinerin einige Medikamente zur
Verfügung und die ambulante Hospizschwester die Mittel zur Mundpflege und zum
Absaugen – aber das war es dann auch schon. Mehr Werkzeug gibt es nicht, da es
vordringlich um Kommunikation und um Begleitung geht. In der Seelsorge, aus der
ich ursprünglich komme, haben wir dann immer gesagt: "Du bist das Werkzeug!"
Die Begleiterin ist ihr einziges Werkzeug. Und
das muss gepflegt und eingestellt und geschont werden. Dazu, meine Damen und
Herren, ist Supervision wichtig. Supervision ist für mich
nicht in erster Linie Qualitätssicherung. Das ist sie auch. Aber sie ist
vor allem ein Mittel zur Pflege der Person des Helfers.
Anlass zu Supervision sei immer eine gespürte bzw. empfundene Unzulänglichkeit. So wird es gelegentlich in der Literatur beschrieben. Ich bestreite dies. Natürlich kommen viele Anfragen wegen eines Problems. Anlass für Supervision kann aber auch einfach die Tatsache sein, dass jetzt Supervision dran ist und ihr Recht hat. Gerade in der Hospizarbeit trifft man – zum Glück – auf diese Routine. In manchen Vereinen dient Supervision der permanenten Selbst-Reflexion. Und das ist gut so. Damit nimmt man der Supervision den Feuerwehrcharakter ("ich komme immer wenn es brennt"). Durch eine Konzentration auf Probleme und Defizite ist wohl auch Angst und manches Befremden gegenüber der Supervision entstanden.
Supervision dient mehreren Seiten gleichzeitig. Sie ist damit sehr effizient.
Supervision dient den Supervisanden, also den Hospizhelfern oder den
Hauptberuflichen im Verein. Sie dient ihnen durch Stärkung und Hilfestellung.
Darüber werde ich noch ausführlich sprechen.
Supervision dient aber auch dem Verein. Sie sichert Qualität und garantiert den
Verantwortlichen, dass die Mitarbeiter und Hospizhelfer abgesichert und versorgt
sind. Das ist wichtig, denn man trägt eine große Verantwortung als Hospizverein.
Es ist keine Kleinigkeit, "Menschen auf Menschen loszulassen". Für diese
Verantwortung ist das Angebot von Supervision eine Stütze und ein Gewinn.
Schließlich dient die Supervison indirekt den Sterbenden und ihren Familien.
Eine Hospizhelferin, die ihren Einsatz verstanden und reflektiert hat, wird
authentischer und freier, zugewandter und entlasteter begleiten. Das wirkt sich
auf die Beziehung zum Klienten natürlich aus. Auch dieser profitiert also
indirekt von der Supervision.
Nun werden Sie mich fragen: "Und der Supervisor? Hat der nichts davon? Dient die Supervision nicht auch ihm?" Meine Antwort ist ein klares "Nein". Eingeschränkt wird dieses "Nein" nur durch die Tatsache, dass die Supervisorin bezahlt wird. So gesehen dient auch ihr die Supervision. Mehr nicht, denn zu mehr ist die Supervision nicht da. Sie hat nicht dem Supervisor zu dienen! Es ist nicht seine Stunde. Nicht er steht im Mittelpunkt. Es geht nicht um ihn. So wie wir auch den Hospizhelfern sagen: "Es geht in der Begleitung nicht um Euch und Eure Bedürfnisse, sondern um den Sterbenden und seine Familie". So gesehen also hat der Supervisor nichts von der Supervision und das ist gut so. Darauf komme ich noch zurück.
Die Erwartungen an Supervision sind hoch. Es gibt Hospizhelfer, die v.a. deshalb ihre Tätigkeit angefangen haben, weil sie dabei gute Fortbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Supervision erfahren. Mir hat das eine Hospizhelferin einmal mit genau diesen Worten erklärt - und sie fand dieses Motiv völlig in Ordnung.
Dabei ist Supervision gar kein freiwilliges Angebot. Wir fordern sie ja ein.
Wir fordern die Hospizhelfer auf, regelmäßig in Supervision zu gehen. Es ist
eine permanente zwangsverordnete Reflexion, wenngleich es unterschiedlich
strenge Handhabungen gibt. MICHAEL SPOHR z.B. beschreibt die Praxis im Hospiz in
Frechen:
"Es ist besonders wichtig, darauf hinzuweisen, das niemand zur Supervision
verpflichtet wird, sondern den Bedarf selbst anmeldet. In besonders schwierigen
Betreuungsfällen weisen die Verantwortlichen auf das Angebot besonders hin."1
Hier wird also eher indirekt zur Supervision geraten. Andere Hospizvereine haben
die Supervision längst als verpflichtend in die Einsatztätigkeit eingebaut. Auch
in vielen sozialen Einrichtungen oder Beratungsstellen, in psychologischen
Kliniken, in der Telefonseelsorge ist dies nicht anders. Es scheint, als ob wir
zurückkehren zu den Wurzeln der Supervision. Vor mehr als 100 Jahren war
Supervision als Kontrolle und Praxisanleitung Teil der Berufswirklichkeit der
Fürsorger und Sozialarbeiter im Amerika der Industrialisierung. Dort hat sie
ihre Wurzeln, wenngleich es noch frühere Belege für den Begriff des Supervisors
gibt2. Es war gut gemeinte und hilfreiche
Praxiskontrolle und weniger Reflexion des Rollenerlebens.
Im emanzipatorischen Denken der 70er und 80er Jahre des späteren Deutschlands
hatte eine solche Kontrollfunktion wenig Chancen. Supervision entwickelte sich
nun zur personorientierten Beratung, die sich Sozialprofis persönlich leisteten,
um über sich und ihre Arbeit nachzudenken und ihre Zufriedenheit zu erhöhen und
ihre Praxis zu verbessern. Gelegentlich wurde dies sogar mit Misstrauen von den
Institutionen betrachtet. Als ich nach dem Studium ins Vikariat ging, da galten
Kollegen, die Selbsterfahrung, Supervision oder gar Therapie besuchten, eher als
suspekt.
Je erfolgreicher Supervision dann wurde, desto mehr Einrichtungen anerkannten
supervisorische Begleitung als sinnvoll in sozialen Berufen und bezahlten diese
auch für ihre Mitarbeiter. Gleichzeitig musste dort, wo die Institution nun
Supervision forderte, Überzeugungsarbeit geleistet und absolute Freiwilligkeit
und Verschwiegenheit garantiert werden. Supervision als Kontrolle – das war
undenkbar und ist es für viele bis heute.
So ist nach einem Jahrhundert in verschiedenen Feldern – so auch in der
Hospizarbeit – Supervision dort angelangt, wo sie begonnen hat: als eine
Forderung des Trägers bzw. Arbeitgebers.
Der Bedarf liegt wirklich vor und ich halte ihn für real und nicht für
"künstlich geweckt", wie manchmal gesagt wird. Supervision dient und nützt und
ist notwendig. Die Begriffe "freiwillig" und "Kontrolle" sind für mich hier
keine Gegensätze. Vielmehr ist Supervision eine Art "freiwillige
Selbstkontrolle", die ich verlangen muss, wenn Menschen mit Menschen arbeiten.
(II) Was ist Supervision?
Das ist inzwischen eine sehr schwer zu beantwortende Frage. Die Literatur,
der Markt und die Praxis sind unübersichtlich und umkämpft. Ich kann ihnen
nur einige Raster nennen, nach denen unterschieden wird. Ich will mich aber
auch nicht drücken und beginne deshalb mit einer Arbeitsdefinition für mich
und Sie:
"Supervision ist eine Form der psychologisch orientierten Beratung für
Menschen, die in einem Praxisfeld tätig sind und durch die Reflexion ihrer
Rolle, ihres Handelns und ihres Erlebens dieser Praxis Sicherheit,
Vergewisserung und neue Spielräume für diese Rolle und diese Praxis gewinnen
möchten."
In diesem Satz steckt wohl alles drin. Auch viel Konsens. Ich denke die meisten KollegInnen könnten sich auf solch eine grobe Definition einlassen. Daher nun ein paar Punkte, an denen sichtbar wird, wie sich Supervision differenziert und von welchen anderen Beratungsformen sich Supervision gänzlich unterscheidet.
1. Setting
Einig sind sich alle: Supervision ist ein Form der Beratung und hat mit
Reflexion zu tun. Praxis wird berichtet, angehört und gemeinsam reflektiert.
Daraus ergibt sich im günstigsten Fall Verstehen und daraus erfolgt
Veränderung und vielleicht der Mut zu neuer Praxis. In dieser Reihenfolge.
Supervision beschäftigt sich also mit den Erlebnissen und Ereignissen der
Praxis und mit der Person, die von dieser Praxis berichtet. Supervision hat
zusätzlich das Supervisionsgeschehen selbst, den Prozess und die anderen
Teilnehmer im Blick. Es geht nicht allein um die bessere Praxis nach der
Supervison. Das wäre einseitig. Es geht auch um das, was mit der
Supervisandin geschehen ist. Allerdings geht es nicht ausschließlich um die
Person der Supervisandin. Das wäre das andere Extrem. Supervision bewegt
sich zwischen diesen beiden Polen: Arbeitspraxis und Person. Dabei steht
Supervision in einer pädagogischen Tradition. Supervision ist ein Form des
Lernens zwischen diesen beiden Polen. Wir fragen also:
"Was passiert mit dem Supervisanden, wenn er von seiner Praxis berichtet und
danach wieder in die Praxis zurückkehrt?" In diesem Zirkel aus Praxis <->
Reflexion/Supervison <-> neue Praxis geschieht Veränderung3.
Durch die Fokussierung auf das Lernen gelingt es dann auch, Supervison als ein
Instrument der Qualitätsentwicklung und Qualitätskontrolle zu verstehen: Sie
dient der Qualität der Arbeit, indem sie das Lernen des Supervisanden im
Blick hat. Es geht nicht um seinen Charakter, seine Neurosen und Fehler,
seine handwerklichen Fähigkeiten oder seine wunderbare Gesprächshaltung – es
geht um sein Lernen. Ich betone diesen pädagogischen Aspekt, weil sich
daraus später wichtige Abgrenzungen ergeben.
Für die supervisorische Beratung werden unterschiedliche Settings angewendet,
deren Unterscheidung manchmal schwer verständlich ist. Wer sich dafür näher
interessiert, kann das in einer interessanten Arbeit von HERBERT EFFINGER
nachlesen4. Lassen Sie mich aber
wenigstens zwei Settings nennen, die ich von Supervision unterscheide,
obwohl sie in den Kontext gehören: Coaching
und Praxisbegleitung.
Mit Coaching wird heute meistens die "Beratung von Menschen mit Steuerungsfunktionen" bezeichnet. Coaching wäre dann eine Art "Einzelsupervision für Führungskräfte". Manchmal wird eine andere Unterscheidung verwendet, wenn als Coaching auch das Führen von Untergebenen bezeichnet wird. Wie im Sport ist der Coach dann der Trainer seiner Mitarbeiter. Meist aber wird im psychosozialen Sprachgebrauch mit Coaching die Beratung einer Führungskraft bezeichnet. Diese Beratung dient dem Klienten dazu, besser Führen zu können. Es geht eher um "Personalentwicklung" als um "Personentwicklung"5.
Spannender ist für unseren Kontext die Frage nach der Praxisbegleitung.
Hier tauchen in der sozialen Arbeit und in der Hospizarbeit Vermischungen
mit Supervision auf. Wir verstehen unter Praxisbegleitung die Kombination
aus Praxisanleitung und Praxisreflexion. Es geht dabei ausschließlich um die
Arbeitspraxis. Ein Beispiel aus der Krankenpflegeausbildung: Eine
Unterrichtsschwester begleitet den Pflegeschüler auf Station und zeigt ihm
dies und das direkt vor Ort. Das wäre die Praxisanleitung. Im Einzelgespräch
oder auch im nächsten Unterricht in der Klasse werden diese Einsätze dann
nachbesprochen. Das wäre die Reflexion. Zusammen bilden sie die
Praxisbegleitung. Die Person des Schülers, seine Gefühle, seine Widerstände
und Ängste, seine Freude – all das steht nicht im Mittelpunkt. Sein Lernen
hat hier v.a. handwerklichen Charakter. Es versteht sich, dass die
Praxisbegleitung durch eine erfahrene Fachkraft erfolgen muss, die diesen
Beruf beherrscht. Der Unterschied zur Supervision ist deutlich. Ich zitiere
dazu JOCHEN STEURER:
"Praxisbegleitung ist die kontinuierliche Unterstützung bei der
Verarbeitung von Erfahrungen und Situationen in der praktischen Arbeit. Hier
ist zu unterscheiden: die individuelle Begleitung und Beratung während eines
Einsatzes [und] die fallbezogene Praxisreflexion in einer Gruppe.
Supervision ist eine Beratungs- und Lernform, die problembezogen die Praxis
im Tätigkeitsfeld ... in Blick nimmt. Ihr Ziel ist eine möglichst gute
Harmonisierung von Person und eigener Rolle im Tätigkeitsfeld. Supervision
will auf diese Weise die fachliche und persönliche Kompetenz der
Teilnehmenden ... vertiefen."6
Damit haben wir drei Formate, die sicher eng zusammengehören, aber besser
nicht vermischt werden. Dies sage ich ausdrücklich, weil gerade die
Vermischung von Supervision und Praxisbegleitung in der Hospizarbeit
gelegentlich anzutreffen ist. Das mag jeweils Gründe haben, aber ich
plädiere für die Trennung7.
Einem Irrtum will ich an dieser Stelle noch entgegentreten: Praxisbegleitung
sei etwas für Ehrenamtliche und Supervision für Hauptamtliche oder Profis.
Das halte ich für kontraproduktiv. Was die Gleichsetzung von "hauptamtlich"
und "professionell" angeht, habe ich nämlich Probleme. Ich haben mir
angewöhnt, wirklich nur "hauptamtlich" vs. "ehrenamtlich" bzw.
"hauptberuflich" vs. "ehrenamtlich" oder "entlohnt tätig" vs. "unentgeltlich
tätig" zu markieren.
Professionell arbeiten hoffentlich beide! Das
Gegenteil von professionell wäre unprofessionell. Es gibt unprofessionell
arbeitende Menschen auch bei den Hauptamtlichen.
Natürlich weiß ich um die Fragen, die damit für die Hospizbewegung verbunden
sind. Gerade großen Vereinen wird die "Professionalisierung" oft zum Vorwurf
gemacht. Aber damit ist eben gerade nicht (nur) gemeint, dass dort zu viele
Hauptamtliche arbeiten. Da ich im Vorstand des Bayerischen Hospizverbandes
bin, weiß ich, wovon ich rede. Oft wird mit diesem Vorwurf auch die
zunehmende fachliche Verbesserung angegriffen – z.B. Standards für
Supervision! – die man ablehnt. Manche denken immer noch, es genügt ein
"großes weites Herz" zu haben, wie es PAUL SPORKEN einmal ausgedrückt
hat. Ich unterscheide also bewusst nicht "ehrenamtlich" von "professionell".
Ich unterscheide lieber professionelles von unprofessionellem Handeln. Profis
brauchen beides: Praxisbegleitung (später dann eher Fortbildung) und
Supervision. Und Profis sind beide: Ehrenamtliche und Hauptamtliche.
Hoffentlich!
Lassen Sie mich weitere Differenzen in den Settings benennen. Diese
Unterschiede sind nicht nur Zeichen bunter Vielfalt, sondern auch Ausdruck
unterschiedlicher Zielsetzungen und Aufgaben von Supervision.
Es gibt Supervision durch externe oder durch interne Supervisorinnen. Ob das
eine oder das andere besser ist, darüber wurde lange ausführlich gestritten.
Der Streit flaut gegenwärtig aber ab, wenn ich die Fachliteratur richtig
interpretiere. Für unseren Kontext sage ich später mehr dazu.
Es gibt Supervisionen, die mit der Leitung eines Teams stattfinden. Es gibt aber auch das Gegenteil: Supervision eines Teams bewusst ohne die Leitung. Für beides kann es Gründe geben.
Man unterscheidet fernen generell Einzelsupervision, Teamsupervision und Gruppensupervision. Ambulante Pflegedienste werden vielleicht die Teamsupervision kennen. Hospizhelfer kennen eher die Gruppensupervision.
Bei den Arbeitsweisen und Inhalten unterscheiden wir die Fallarbeit von der Arbeit an Themen des Teams oder der Gruppe. Fallarbeit meint die Reflexion konkreter Klientenfälle oder Hospizbegleitungen. Teamsupervision hat oft mit der Zusammenarbeit im Team, mit Konflikten oder Arbeitsabläufen zu tun. Gelegentlich spielen auch Fragen der Gesamtorganisation in die Supervision hinein. Dann wird es für mich spannend, weil die Kunst darin besteht, mit dem Team zu erarbeiten, was ihre ureigenen Fragen und Konflikte sind und was sie – quasi stellvertretend – für die Institution oder den Verein erleiden oder austragen. Haben wir dies identifiziert, ist die Frage meist, ob statt der Supervision nicht ein Beratung der Organisation angemessen wäre. Zumindest müssen die Themen getrennt werden. Sonst bohrt man im falschen Zahn – was selten etwas bringt.
Wichtig für all diese verschiedenen Formen der Supervision ist ein klarer Kontrakt. Beide Seiten müssen von Anfang an benennen können, worum es in der Supervision gehen soll und wie gearbeitet wird. Damit wird Supervision verlässlich.
Neben den verschiedenen Settings und den unterschiedlichen Fokusbildungen
gibt es auch Unterschiede in der Methode. Dabei spielt die Herkunft der
Supervisorinnen eine Rolle. Es gibt Anbieter von klassischer
Balintgruppenarbeit und Transaktionsanalytiker. Es gibt
Psychodramatikerinnen und Analytiker, es gibt Vertreter der
Gesprächspsychotherapie, der lösungsorientierten Gesprächsführung und der
Verhaltenstherapie. Es gibt systemisch denkende und körperorientiert
arbeitende Supervisoren. Es gibt Supervision auf der Bühne und im
Rollenspiel und es gibt Krisenberatung für Notsituationen.
All das gibt es und meistens findet man eine Mischung aus mehreren Elementen
vor. Wie im richtigen Leben.
Daher nochmals meine Betonung des klaren Kontraktes und der Achtsamkeit
gegenüber dem Ziel von Supervision: dem Lernen der Supervisanden um einer
authentischen und angemessenen Praxis willen.
2. Merkmale des Supervisionsprozesses
Supervision ist ein zeitlich begrenztes Unternehmen. Dies ist wichtig, weil
diese Begrenzung Perspektive schafft und Ressourcen mobilisiert. Es muss
beiden Seiten klar sein, dass wir nicht ewig Zeit haben. Daher sind die
einzelnen Sitzungen zeitlich begrenzt und die Zahl der Sitzungen auch. Dort,
wo wir es mit regelmäßiger Supervision zu tun haben (also z.B. "jeden
dritten Mittwoch im Monat"), hat es sich bewährt, die Supervisorin zu
wechseln. Oder die Teilnehmer der Gruppen fluktuieren und wechseln und der
Supervisor trifft Begrenzungsvereinbarungen: Dann wird nach jeweils einem
Jahr ein Bilanzgespräch mit der Gruppe angesetzt. Da können Veränderungen
oder auch eine neue Gruppenzusammensetzung besprochen werden. Wichtig ist,
dass nicht die gleiche Gruppe mit der gleichen Supervisorin endlos arbeitet.
Die dann entstehende Dynamik verhindert m.E. effektive Supervision. Die
Matrix der Gruppe – das ist ein gruppendynamischer Fachausdruck für die
Gesamtheit der Gefühle, Wahrnehmungen und Beziehungen in einer Gruppe –
diese Matrix wird zu starr, wenn eine Gruppe zu lange zusammen ist. Was man
voneinander weiß, weiß man längst und was verdeckt war über all die Jahre,
das bleibt jetzt erst recht verborgen. Ein Wechsel des Supervisors aber
bringt oft ganz unerwartet Bewegung in eine Gruppe und erweitert die
Wahrnehmungsfähigkeit. Natürlich tut Abschied weh. Aber die
Hospizhelferinnen sind ja auch deswegen in Supervision, um ihren Umgang mit
Abschied offen auszutragen.
Und der Supervisor und sein Schmerz? Nun, er wird bezahlt. Das ist sein
Berufsrisiko. Supervision ist ein zeitlich begrenzter Prozess.
Wenn Sie mich nach dem Kern dessen fragen, was den Prozess der Supervision
ausmacht, dann verweise ich auf zwei Dinge: Den "haltenden Rahmen" und das
"Spiegelphänomen des Parallelprozesses". Beides will ich kurz erläutern.
Unter dem "haltenden Rahmen" verstehe ich die Gewährleistung einer sicheren
und verlässlichen Umgebung, in der die Supervision stattfindet. Diese
Sicherheit ist recht leicht zu gestalten, erfordert aber Disziplin vom
Supervisor. Die Sitzungen finden möglichst am gleichen Ort, zur gleichen
Zeit und in bekannter Zusammensetzung statt. Sie beginnen und enden
pünktlich.
Die Tür ist geschlossen und die Gruppe weiß, auf welches Ziel und auf welche
Methodik sie rechnen kann. Eine ritualisierte Anfangsrunde sichert zu, dass
jeder seine Befindlichkeit und sein Anliegen nennen kann. Klare Absprachen,
was wir heute bearbeiten werden, helfen genauso, wie eine gleichmäßige
Aufmerksamkeit der Supervisorin für alles und jeden. Störungen von außen
werden verhindert, soweit das geht. Störungen in der Gruppe werden nicht
übersehen, sondern benannt und ggf. bearbeitet, was im Anfangskontrakt mit
den Supervisanden benannt und vereinbart werden muss. So entsteht ein
verlässlicher und sicherer Rahmen, der es ermöglicht, auch schwierige Themen
anzusprechen oder sich einmal fallen zu lassen. Ich lege viel Wert auf
diesen Rahmen, der in der analytischen Theorie auch als "container" oder
"containment" bezeichnet wird8.
Das zweite bedeutsame Phänomen habe ich als Parallelprozess bezeichnet. Ich
bin so gut wie nie enttäuscht worden, wenn ich damit gerechnet habe, dass
sich das vorgetragene Problem oder der gerade behandelte Fall in irgend
einer Weise auch in der Supervisionssitzung selbst abbildet und wiederholt.
Die Dynamik, von der ein Supervisand berichtet - und die er vielleicht nicht
versteht – spiegelt sich irgendwann in der Gruppe, die den Fall gerade
bespricht. Darauf kann man fast wetten! Natürlich habe ich als
Gruppendynamiker hierfür einen besonderen Blick entwickelt. Aber ich denke,
andere Kolleginnen werden dieses bestätigen: Immer wieder tauchen in der
Gruppe oder der Einzelsupervision ähnliche Konflikte oder Abwehrmechanismen
oder Wahrnehmungen oder Konstellationen auf, wie sie auch vom Supervisanden
aus seiner Praxis gerade berichtet werden. Ich erlebe Supervision häufig als
Reinszenierung. Sein Drehbuch bringt der Supervisand lebendig in die
Supervisionssitzung ein. Hier ähnelt Supervision wohl am stärksten der
Therapie. Natürlich geschieht dies unbewusst. Dennoch ist es oft
überdeutlich sichtbar. Manchmal schreit der Verlauf einer Sitzung geradezu
danach, wahrgenommen zu werden. Ich wechsle dann in die Metakommunikation
und frage nach, was hier und jetzt gerade passiert. Wenn wir das
festgestellt und besprochen haben, dann wird fast von selbst deutlich, worum
es in dem Fall oder der Frage geht, die jemand mitgebracht hat. Der Helfer,
der aus einer Begleitung berichtet, ist derselbe auch heute in der
Supervision. Niemand kann aus seiner Haut.
Seine Gefühle, seine Deutungen, sein Verhalten bringt er mit. Und nur sie
haben wir live! Alle Berichte – seien sie noch so genau – bleiben Berichte.
Zweite Hand. Darum lege ich so viel Wert auf das "Hier und Jetzt". Wenn
Supervision erfolgreich ist, dann meist deshalb, weil die Supervisanden im
Hier und Jetzt ihre Gefühle spüren und verstehen.
Wahrnehmen, Verstehen und Verändern sind der Schlüssel zu neuer Praxis, sind
der Kern des Lernens in der Supervison. Supervision ist also
"Wieder-Erkennen" in der vollen Wortbedeutung.
Ein Wort zur Gruppe ist jetzt wichtig. Aus dem bisher Gesagten wird
verständlich, welchen Wert sie hat. Sie dient nicht nur dazu, eine vertraute
Basis herzustellen, auf der eine Supervisandin von ihrer Arbeit, ihren
Fragen und Sorgen und Zweifeln sprechen kann. Die Gruppe stellt zugleich den
Nährboden dar, auf dem Ideen, Anregungen und Lösungen wachsen.
Die Gruppe ist der eigentliche Supervisor. Ich
sorge nur für den Rahmen. Das hat nichts mit falscher Bescheidenheit zu tun.
Es ist ein Erfahrungswert. Verantwortung bleibt dem Supervisor genug. Aber
bestimmt nicht die Verantwortung für die richtige Lösung eines
Supervisionsanliegens. Ich zitiere dazu einen Satz von STEVE DE SHAZER, den
er uns Supervisoren ins Stammbuch schreiben könnte:
"Wer eine Lösung oder Hypothese hat, soll zwei Aspirin nehmen, sich in
eine Ecke setzten und warten, bis der Anfall vorbei ist"9.
Natürlich mische auch ich in einer Supervisionssitzung mit. Auch ich gebe
Deutungen zum besten oder schlage sogar mal eine Lösung vor. Das passiert
mir immer wieder. Aber für der Weisheit letzten Schluss halte ich das nicht!
Oft höre ich von ehrlichen Supervisanden, dass meine Anmerkungen zwar
hilfreich waren, aber letztlich nicht der Clou des Ganzen. Viel wichtiger
scheint zu sein, was sich in der Gruppe abspielt, wie sich ein Supervisand
mit seiner Frage aufgehoben fühlt, ob die Beziehung stimmig ist, ob er sich
wieder erkannt und getragen fühlt und ob er Neues ausprobieren und Ideen mit
nach Hause nehmen kann. In der Gruppe spielt die Musik – dort entstehen
Antworten und Lösungen. Welche dann passen, das kann eh nur der Supervisand
entscheiden. Die Supervision hat dazu vielleicht beigetragen – mehr aber
nicht. Diese Erkenntnis macht uns Supervisoren demütig – und sie entlastet.
Auch die Supervisanden, die zu Beginn vielleicht alle Weisheit und alle
Antworten von der Supervisorin erwarten, werden früher oder später die
Autonomie schätzen, die ihnen zugetraut wird.
Supervision ist somit immer auch ein emanzipatorisches Unternehmen. Mich
machen Supervisoren, die alle Lösungen kennen, eher misstrauisch. Auch in
meiner eigenen Balintgruppe, die ich regelmäßig besuche, höre ich mir
begierig die Vorschläge der Leiterin an, wenn sie welche macht. Aber
Einsicht und Mut und Neues entstehen oft später und an ganz anderer Stelle
im Prozess.
Meine Fragen verlangen nach
meinen Antworten.
So geht es beim Prozess der Supervison um ein Wechselspiel zwischen der
Innenwelt der Supervisanden und der Außenwelt der Supervisionssituation.
Beides zusammen prägt den Prozess. Dabei trägt der Supervisor große
Verantwortung. Über den Rahmen hinaus sollte er einen Blick für die Dynamik
der Gruppe haben. Er sollte auch - und hier gehen die Theorien etwas
auseinander – keine Scheu haben, die Dynamik anzusprechen, wenn dies dem
Lernen dient. Ich plädiere sehr dafür, Störungen in der Gruppe anzusprechen.
Ich benenne Konkurrenzen und Kränkungen, wenn ich sie wahrnehme. Ich benenne
Machtkämpfe und Rückzüge, wenn sie spürbar sind. Ich fasse manches in Worte,
was offensichtlich ist, aber nicht angesprochen wird. Ich vertraue darauf,
dass nichts ohne Grund und Bedeutung geschieht. Ich will wissen, was hier
und jetzt gerade passiert. Ich traue der Gruppe zu, dass sie auch unbewusst
die richtigen Signale setzt. Manches wird zu einem Schatz, wenn es ins
Bewusstsein gehoben wird. Anderes versperrt sich dem Zugriff - und dann soll
es so bleiben. Würde ich diese Dinge aber übersehen oder übergehen, hülfe
uns das wenig. Wirksam sind solche Gefühle oder Vorgänge ja sowieso. Was
nicht "auf den Tisch kommt", rumort dann ggf. "unter der Decke" weiter. Ich
mache lieber klar, dass ich keine Angst habe, die Dinge anzusprechen. Das
ist mir bisher selten übel genommen worden. Im Gegenteil: Wenn wir als
Gruppe keine Angst haben vor dem hier und jetzt, dann muss der Supervisand
draußen, in seinem Arbeitsfeld, in der Beratung, am Sterbebett oder wo auch
immer auch keine Angst haben! Gerade Hospizhelfer oder Ärztinnen oder
Pfleger stehen gelegentlich vor der Frage
"Darf ich jetzt ansprechen, was Sache ist oder was spürbar im Raum
lastet?" In der Supervision kann man üben, dass es geht und erlaubt ist
und weiterführt. Reden hilft! Manchmal muss man dazu ermutigt werden oder
braucht ein Vorbild.
So gesehen lernt man in der Supervision sehr direkt für die Praxis – durch
eine Erfahrung, die man als Supervisand am eigenen Leib macht.
Ich übe in der Supervision ein, die Dinge anzusprechen. Ich höre von meinen
Supervisanden, dass dies in der Praxis ein wertvolles Instrument der
Begleitung sein kann.
Soviel nun zum Prozess der Supervision: Ich fasse diesen Abschnitt zusammen, indem ich ein Zitat von NORBERT FLAMME etwas verändere: "Zusammenfassend gilt es, sich im Prozess der Supervision anlässlich aktualisierter Probleme auf die Ressourcen fördernde, aktive und klärende Bewältigung von interpersonalen und intrapsychischen Handlungsfunktionen der Supervisanden zu konzentrieren"10.
3. Abgrenzungen und Konturen
Damit, meine Damen und Herren, zeigen sich langsam Konturen. Diese
verstärke ich jetzt, wenn ich Supervision deutlich abgrenze.
Wir haben gesehen, Supervision ist nicht identisch mit Coaching. Supervision
ist auch keine Praxisbegleitung. Supervision ist ein eigenes Format. Damit
mache ich auch klar, dass z,B. im Rahmen eines Hospizes die Einsatzleitung
und die Koordination einen anderen Aufgabenbereich abdecken und eine andere
Rolle verlangen. Ich werde darauf nicht weiter eingehen. Aus den bisherigen
Ausführungen zum Supervisionsprozess sollte dies offensichtlich geworden
sein.
Noch klarer sind die folgenden Abgrenzungen:
Supervision ist nicht Fortbildung, sie ist nicht Selbsterfahrung und sie ist
keine Therapie oder Therapieersatz.
Natürlich wird gute Supervision auch bilden. Aber Fortbildung hat ein anderes
Ziel und bedarf anderer Rahmenbedingungen.
Natürlich wird Supervision auch die Selbsterfahrung der Supervisanden fördern.
Das kann ich gar nicht vermeiden. Aber das ist ein Effekt – nicht das
vereinbarte Ziel. In der Supervision geht es um Lernen und um die
Rollengestaltung des Supervisanden in seinem Praxisfeld.
Schon gar nicht darf Supervision mit Therapie verwechselt werden. Therapie ist
nicht Gegenstand der Vereinbarung. Eine gewisse therapeutische oder
diagnostische Kenntnis mag der Supervisorin helfen, ihre Supervisanden zu
verstehen. Aber mehr nicht. Therapeutische Vermutungen behalte ich für mich.
Es sein denn, ich werde sehr direkt vom Supervisanden gefragt. Auch dann
gebe ich keine Diagnose; aber ich verweise doch darauf, dass hier
offensichtlich ein Thema anklingt, mit dem in einer Therapie gearbeitet
werden könnte. Aber nicht hier in der Supervision! Dies Abgrenzung schulde
ich mir und den Supervisanden. Die Gefahr, aus einem Vertrauensverhältnis
heraus übergriffig zu werden, ist groß. Es kann ohne Übertreibung als
Missbrauch bezeichnet werden, wenn Therapie betrieben wird, wo Supervision
vereinbart ist. Die Abgrenzung ist oft eine Frage der Disziplin beider
Seiten – die Verantwortung aber trägt der Supervisor, weil die Beziehung
asymmetrisch ist.
Damit will ich sagen, dass in der Supervison die Versuchung für den
Supervisanden groß sein kann, sich mehr hinein zu geben, als er geplant hat.
Das muss der Supervisor im Blick haben und aufpassen, wenn Grenzen berührt
werden. Hinterher wäre der Supervisand sonst verwirrt und beschämt und hätte
das Gefühl, in etwas hineingeraten zu sein, was er gar nicht vorhatte. Nicht
selten bieten Supervisanden das geradezu an: Hilf mir! Verändere mich!
Rette mich! Mach mich besser! Therapiere mich! Das kann für mich eine
schmeichelnde Verlockung sein. Aber es wäre falsch. Hier ist Abstinenz
angesagt.
Soviel zur Abgrenzung von Supervision von anderen Verfahren.
Ein Frage ist noch offen: Wie verhält es sich bei Supervision mit dem
Auftragsdreieck? Ich bin als Supervisor ja nicht nur meinen Supervisanden
verpflichtet sondern auch dem, der mich bezahlt. Wenn ich nur
Supervisandinnen hätte, die privat bezahlen, wäre das keine Frage. Aber die
meisten Supervisionen werden dritt-bezahlt – vom Verein, von der Firma, von
der Behörde. Das muss ich ernst nehmen. Als Supervisorin diene ich damit
quasi "zwei Herren". Das wird in unserem Fach gelegentlich verleugnet, ist
aber Tatsache. Als Theologe hat mich das immer beschäftigt. Ich kann doch
nicht "zwei Herren dienen". Seit ich als innerbetrieblicher Supervisor für
die Diakonie arbeite, habe ich hier eine erweiterte Sicht der Dinge
gewonnen. Diese bewährt sich auch bei Aufträgen, die ich als Externer
durchführe:
Die Supervisanden und ihr Arbeitgeber lassen sich nicht einfach spalten! Sie
sind viel mehr eins – mehr als ihnen das manchmal bewusst und lieb ist! Die
Mitarbeiterinnen einer Sozialstation gehören mit ihrer Chefin zusammen; die
Hospizhelferin und ihre Einsatzleitung oder Vereinsvorsitzende leben nicht
in getrennten Welten; der Krankenpfleger und seine Heimleiterin gehören zum
selben Haus. Und
dem ist die Supervision verpflichtet. Daher
sprechen wir vom Dreiecksauftrag zwischen Supervisorin – Supervisanden und
Organisation. Daher ist Supervision immer auch eine Kontrollmaßnahme und
eine Aktivität der Firma, selbst wenn diese im eigentlichen Prozess gar
nicht aufzutauchen scheint. Die Organisation ist Teil des Geschehens. Es
wird durch Absprachen zur Schweigepflicht und Vertraulichkeit natürlich zu
klären sein, was "unter uns" bleibt und was ggf. von den Supervisanden
selbst als Ergebnis der Supervison auch veröffentlicht wird.
Es wird sensible Bereiche geben, wo es wichtig ist, dass die Supervisorin
zusagen kann, Inhalte aus der Supervision nicht weiterzugeben. Wenn das
nicht geht, wird sie den Auftrag hoffentlich nicht annehmen. Aber niemals
kann eine undurchdringliche Wand zwischen Supervisanden und deren
Arbeitgeber postuliert werden. Als Supervisor würde ich damit einer Spaltung
unterstützen, deren Bearbeitung wahrscheinlich das eigentliche Thema wäre.
Ich habe es mir abgewöhnt zu versprechen, dass "niemand etwas von dieser
Supervision erfährt". Ich plädiere für Offenheit, soweit es geht. Meine
Supervisanden wissen, dass nichts aus der Supervision herausdringt, was
nicht abgesprochen ist Sie wissen aber auch, dass ich regelmäßig
Besprechungen mit dem Chef oder mit dem Hospizverein habe, in denen ich über
Entwicklungen und Tendenzen in der Supervision spreche. Ich zitiere dazu aus
einem Arbeitspapier eines Hospizvereins, was prinzipiell aber von jeden
Auftraggeber gefordert werden könnte:
"Die Einsatzleitung hält regelmäßig Kontakt mit den Supervisoren und lädt
nach Bedarf ... zu einem Austauschgespräch ein ... .Die Supervisoren
benachrichtigen die Einsatzleitung, wenn schwerwiegende Probleme auftauchen,
sei es in der Gruppe oder bei einzelnen HospizhelferInnen. Letzteres ist nur
nach Rücksprache mit den beteiligten Hospizhelfern möglich."11
Diese Einbindung erwarten übrigens alle Seiten. Es ist dies eine zentrale
Aufgabe der Supervision, wenn sie nicht ungenutzt verpuffen soll. Auch dafür
werde ich bezahlt.
Soweit nun die allgemeinen Erläuterungen zur Supervision und zum Supervisionsprozess.
(III) Was leistet Supervision für die Hospizarbeit?
In diesem Teil des Vortrages muss nun nicht mehr alles wiederholt werden, was
bisher ausgeführt wurde. Ich habe ja zunächst allgemein über Supervision
gesprochen. Aber das meiste davon kann natürlich auch auf dem Hintergrund von
Supervision in der Hospizarbeit gesehen werden. Ich habe ja schon Beispiele aus
diesem Feld eingestreut. Manche meiner Einsichten habe ich auch speziell in den
acht Jahren gewonnen, die ich nun schon für Hospizvereine Supervision anbiete.
Ich werde im Folgenden einige wichtige Punkte wiederholen und pointieren und
andere Details erst jetzt thematisieren. Ich bitte Sie also, das bisher Gehörte
im Hintergrund mitzudenken.
Supervision bietet Hospizhelfern und Palliativfachkräften einen verlässlichen und sicheren Rahmen, innerhalb dessen sie geschützt - und somit "ungeschützt"! – über ihre Arbeit und ihr Erleben im Hospizeinsatz sprechen können. Das ist ein hohes Gut. So wie sie am Sterbebett oder in der Familie oft Stütze, Anker oder Offenes Ohr für Bedrohliches, für Unaussprechliches und für Furchterregendes sein müssen, so brauchen sie selbst solche Stütze und Halt. Jetzt, in der Supervision, geht es um sie und ihre Rolle in der Praxis. Jetzt sind sie dran. MICHAEL SPOHR macht daher zurecht geltend, dass auch in der Supervision die drei Grundprinzipien der Gesprächshaltung wichtig sind: "Empathie, Akzeptanz und Echtheit sind Einstellungen und Haltungen und Verhaltensweisen, deren 'Effizienz' in der Sterbebegleitung allgemein Zustimmung findet. Was aber für die Begleitung der Schwerkranken gilt, das gilt in gleichem Maße für die Begleiterinnen. Ihre Befähigung und Begleitung orientiert sich ebenfalls an den 'drei Grundhaltungen'."12
Supervision in der Hospizarbeit ist im guten Sinne ein Wiedererkennen. Im
Prozess der Supervision entdeckt der Hospizhelfer nicht nur, was es mit
seinen Patienten auf sich hat, sondern auch, was mit ihm in dieser oder
jener Situation geschehen ist. Er entdeckt es, weil er in der Gruppe "er
selbst" sein darf und kann. Gleichzeitig ahnt er dadurch, dass auch sein
Patient in seiner Begleitung "er selbst" sein darf und kann. Nicht der
Helfer stirbt, sondern der Patient.
Hospizbegleitung ist immer auch eine Übung im Lassen. Das ist nicht einfach.
Supervision stellt den Ort zur Verfügung, an dem dieses Geschehen quasi von
außen betrachtet werden kann. Supervision ist Auszeit für den Supervisanden.
Sie ist gesunde Einübung in Selbstdistanz.
Das scheint paradox zu klingen, wo wir in der Vorbereitung und Ausbildung doch
lernen, uns "voll und ganz hinein zu geben" und uns einzulassen. Da lernen
wir: einfühlen – mitgehen – sich selbst hintanstellen – uns zuwenden – ganz
dabei sein. Und dann sind wir drin. Mittendrin! Verwickelt! Oft viel zu weit
und viel zu tief. Supervision kann der Ort sein, der uns wieder herausholt.
Ich sage "wir", weil das auch für den Supervisor und seine Supervision gilt.
Supervision benennt Grenzen und rettet vor ent-Grenzung. Das geht gerade
deshalb,
weil der Supervisand im Mittelpunkt der
Supervision steht. Indem die Supervisorin und die Gruppe auf den
Supervisanden blicken und ihm den Spiegel anbieten, helfen sie ihm. Es geht
um Abstand und Entflechtung, während im Einsatz die Verwicklung in den Fall
passiert. Von der ver-Wicklung zur ent-Wicklung. Das ist Supervision. Sie
übt Distanz ein.
Supervision – jetzt denke ich noch mal an den Affen auf dem Baum – Supervision steigt also kurzfristig aus dem Geschehen aus und betrachtet es von oben. Darum ist auch eine Supervisorin dabei, die mit dem Patienten selbst nichts zu schaffen hat. Auch die Gruppe kennt den speziellen Fall und die konkreten Personen i.d.R. nicht persönlich. Aber sie kennt den Supervisanden. Im Raum der Supervision wird der Fall dann lebendig – wie auf einer Bühne. Die Erkenntnis, dass es eben nur eine Bühne ist, entlastet. Sie eröffnet Spielräume. Für mich ist diese Fähigkeit zur Selbstdistanz eine wichtige Frucht von Supervision.
Supervision verändert den Blickwinkel. Sie fragt bei der Betrachtung einer
Fallgeschichte bewusst provokativ:
"Könnte es nicht auch ganz anders sein?". Damit nimmt sie in den
Blick, was bisher nicht im Vordergrund stand. Sie fragt aber auch
"was macht der Hilfesuchende mit dem Helfer?". So wird erreicht, dass
die Situation der Sterbenden oder ihrer Familie für einen Augenblick
ausgeblendet werden kann.
All dies dient der Stärkung der Hospizmitarbeiter und der Qualität ihrer
Arbeit. Es nimmt ernst, dass die Helfer nur ihre Person als Werkzeug ihrer
Arbeit mitbringen. Diese Person und ihr Lernen sind der Fokus.
Supervision stärkt und fördert die emotionale Kompetenz von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Hospizarbeit. Neben dem Erzählen der Fakten und Erlebnisse spielen die Gefühle eine wichtige Rolle. Ich frage explizit immer wieder danach. Die Gefühle des Erzählers sind mir dabei genauso wichtig, wie die der Zuhörer. Alle Gefühle im Raum gemeinsam formen ein Bild. Sie bilden eine Schicht der Wahrheit, sind eine Art Teppich auf dem sich das Thema bewegt. Auch meine Gefühle oder Gegenübertragungen gehören dazu. Auch sie haben – im günstigsten Fall – etwas mit den Supervisanden oder dem momentanen Prozess zu tun. Die Gefühle helfen uns, zu verstehen. Sie sollen und können einbezogen werden als wichtige Kräfte und aussagekräftige Indizien für unser wahres Erleben. Sie begleiten die Worte und werden auch in Worte gefasst, wenn es geht. Dadurch wird das Bild der Situation vollständig und lebendig. Ich habe oft erlebt, dass ein Supervisand aus seiner Praxis eigentlich weniger die Fakten und Ereignisse als viel mehr die Wirkungen, Eindrücke und Gefühle in die Supervision mitbringt. Sie wollen erkannt und benannt und ausgehalten werden. Supervision übt dies ein. Das ist direkt in die Praxis umsetzbar.
Ein ganz anderer Punkt: Supervision lehrt die Hospizbewegung, mit
Kontrollverlust umzugehen. Lassen Sie mich dies kurz erläutern:
In der Anfangszeit vieler Hospizinitiativen waren es einige wenige engagierte
und dominierende Personen, die einen Verein aufgebaut, die Vorbereitung der
Helfer organisiert, die Einsätze koordiniert und gelenkt und die Helfer
begleitet und geführt haben. Sie waren wichtige Integrationsfiguren und
manchmal richtige "Übermütter" oder "Überväter". Mit zunehmender Aufteilung
und Verfeinerung der Aufgaben, wirkten zusätzliche und externe Personen mit.
So auch die Supervisoren, die i.d.R. von außen zugezogen werden. Damit geht
ein Verlust an Kontrolle einher. Nun weiß der Vorsitzende nicht mehr alles!
Vielleicht ist das ein Grund, warum Supervision manchmal argwöhnisch
betrachtet wurde. Ich kann diese Angst gut verstehen. Aber Kontrolle
ist nicht alles und ein wenig kann man ja durch die oben beschriebene
Rückmeldung vom Supervisor noch erfahren. Aber ein Verlust ist es allemal.
Ich denke, dies kann in der Hospizarbeit nicht genug gelernt werden: der
Umgang mit Verlust und Loslassen. Auch so also trägt Supervision zum Lernen
bei – allein dadurch, dass es sie als eigenständige Größe im Verein gibt!
Ein letzter Punkt: Supervision lehrt Hilfe anzunehmen und beim Helfen
gnädig zu sein. Supervision ist unerbittlich, wenn es um das Aufdecken von
Motiven geht, warum jemand helfen will oder gar glaubt helfen zu müssen.
Dies ist oft ein unangenehmer aber stets ein emanzipatorischer Aspekt von
Supervision. Sie dient den Hospizhelfern auf diese weise sehr intensiv. Ich
schildere Ihnen dazu ein Szene aus einer Supervision in München Anfang
September:
Eine Hospizhelferin aus einer Palliativstation erzählt, dass es manchen
Menschen sehr schwer fällt, sich helfen zu lassen. "Gerade Männer sind da
ein schwieriger Fall. Da war einer, dem lief das Essen aus dem Mundwinkel
und er wollte sich das nicht abwischen lassen. 'Nein, das mache ich selbst',
sagte er immer und ließ mich nicht. Furchtbar! Aber ich habe einen Trick.
Ich gehe dann raus und da denken die dann schon drüber nach. Und dann habe
ich nach einer halben Stund wieder reingeschaut und da war er ganz
freundlich und ließ sich helfen. War doch besser für ihn! Den kann man doch
nicht so lassen."
Und in der selben Sitzung erzählt sie noch, dass es ihr ganz unverständlich
ist, wenn die Leute nicht wahrhaben wollen, dass sie unentgeltlich arbeitet:
"Die fragen dann immer 'und was bekommen Sie?'; und ich sage dann, dass ich
nichts bekomme und hier umsonst arbeite; und die wollen mir dann nicht
glauben, dass sie mir nichts schuldig sind ... die sind oft schwierig!"
Nun, Sie können sich denken, dass wir damit Themen für diese
Supervisionssitzung hatten! Ich rechne es der Hospizhelferin hoch an, dass
sie dies erzählt hat. Damit hat sie instinktiv eine problematische oder
zumindest ambivalente Situation ans Licht gebracht, um sie betrachten zu
lassen. Was für mich an dieser Sitzung so spannend war, passierte erst nach
der eigentlichen Fallarbeit. Es kam dann nämlich zu einer kurzen Diskussion
über Schuld und schuldig bleiben, über helfen und Hilfe annehmen, über geben
und nehmen und über die damit verbundene Ungleichheit in der Beziehung. Die
ganze Gruppe erkannte und spürte, dass die Rolle des Helfer immer eine
Machtposition ist.
Wir kamen sehr behutsam darauf, welche psychodynamische Überlegenheit der
Helfer mitbringt und wie demütig man wird, wenn man sich dies eingesteht.
Man kann das ja nicht prinzipiell ändern. Aber man kann es erkennen - und dann
vielleicht etwas gnädiger sein in der Frage des Helfen müssens. Und man kann
verstehen, warum es Menschen unangenehm ist, wenn Hospizhelfer kostenlos
kommen und sie ihnen gar nichts, aber auch gar nichts Gutes tun oder gar
zurückgeben können für die Wohltat der Begleitung. Das war eine sehr
lehrreiche und anrührende Supervisionsstunde. Wir konnten sogar noch kurz
darüber sprechen, wie es den Hospizhelfern damit geht, das sie in der
Supervision Hilfe und Stütze erfahren und annehmen - und dass ich dafür Geld
bekomme.
All das kann in einer Supervision-Sitzung passieren.
(IV) Wie und wo suche ich Supervision? Abschließende Bemerkungen
Lassen Sie mich zum Schluss ein paar Anmerkungen dazu machen, wie Sie als
Hospizverein oder Pflegedienst an Supervision kommen.
Ich gehe davon aus, dass sie genehmigt oder gar verlangt ist und bezahlt wird.
Über Preise äußere ich mich hier nicht weiter. Supervision hat ihren Preis
aber es gibt Schwankungen. Das kann man aushandeln. Es muss klar besprochen
werden. Lieber sollte ein Verein mit höheren Kosten rechnen und sich dann
freuen, wenn das Honorar günstiger oder der Supervisor kulant ist. Geht man
umgekehrt vor, dann kämpft man mit Zwängen, die eine freie Auswahl
erschweren. Auch ganz ohne Limit kann man auf die Suche gehen! Echten Wucher
wird man schon erkennen, zumal die Hospizbewegung heute gut vernetzt ist und
sich die üblichen Summen schon herumgesprochen haben.
Ich gehe also davon aus, dass Geld kein Thema ist. Dann empfehle ich, sich bei
Pflegediensten, Sozialstationen, Beratungsstellen und natürlich bei anderen
Hospizvereinen in der Region zu informieren: Wer hat bei Euch gute Arbeit
gemacht? Wie erreicht man den oder die? So erhält man schon Tipps.
Zusätzlich gibt es unter dem Stichwort "Supervision" oder
"Supervisorenverzeichnis" im Internet Hinweise auf die großen Fachverbände
und ihre Mitglieder.
Es ist ratsam, eine solche Einbindung zu erwarten. Supervision ist eine
Qualifikation und für viele KollegInnen sogar ein Hauptberuf. Daher sollte
eine Ausbildung und kontinuierliche Weiterbildung beim Supervisor
vorausgesetzt werden. Genau dafür können die Verbände eine gewisse Garantie
übernehmen. Wenn also jemand in der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR supERVISION
(DGsV) oder der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR PASTORALPSYCHOLOGIE (DGfP) oder
als Psychotherapeut oder Arzt in seinem Fachverband als Supervisor gemeldet
ist, dann erkennt man das meist im Briefkopf oder man fragt nach.
Wenn das gegeben ist, hat man einen weiteren Schritt hinter sich.
Nun folgt das, was sich manche nicht trauen: Probesitzung. Ich plädiere stets
dafür, sich ein oder zwei Personen anzuschauen. Vereinbaren Sie ein
Probesitzung. Entscheiden Sie erst danach, ob sie mit diesem Menschen als
Supervisor oder Supervisorin arbeiten wollen. Vertrauen Sie dabei auf Ihr
Gefühl. Es trügt nicht! Supervision verlangt nach Vertrauen und bald auch
nach einer gewissen Vertrautheit. Diese entsteht nicht in jedem Fall. Daher
sind Probesitzungen wichtig. Ich danke jedem Verein, der mir ehrlich sagt,
mit uns wird es nicht klappen. Dann sparen beide sich Seiten Frustration.
Auch ich sage übrigens niemals am ersten Abend zu. Auch ich überlege am Tag
darauf: Wie war das? Wie hat es sich angefühlt? Kann und will ich mit dieser
Gruppe arbeiten?
Wenn beide Seiten aber ein gutes Gefühl haben und der Rahmen stimmt, dann
fangen wir an. Zu lange darf das nicht dauern, weil sonst wertvolles
Material für die Supervision verloren geht.
Sehr umstritten war über viele Jahre, ob der Supervisor aus dem gleichen Praxisfeld kommen soll oder darf,
wie die Supervisanden. Zu viel Nähe und zu viel Wissen verhindert das, was
man eine "gesunde Naivität" nennt. Die Nachfragen eines Außenseiters oder
einer fachfremden Person sind oft sehr erhellend, weil sie Dinge in Frage
stellen, die für alle ganz klar sind. Und das ist dann oft der Punkt: Durch
all die Selbstverständlichkeiten, die nie hinterfragt wurde, hat man
wichtige Dynamiken oder Fehler übersehen. Es kann also von Vorteil sein,
wenn die Supervisorin aus einem ganz anderen Beruf und Umfeld kommt.
Doch ich denke, das hat auch Nachteile. Und
diese überwiegen. Eine gewisse Feldkompetenz scheint mir für erfolgreiche
Supervision inzwischen unabdingbar. Sonst erzählen mir die Supervisanden –
auch unbewusst – die unglaublichsten Geschichten, die ich nicht als verzerrt
oder gar unsinnig erkenne, weil ich nichts von der Arbeit und dem Alltag der
Supervisanden weiß. Das ist nicht hilfreich. Ich bemerke dann all die Abwehr
und den Widerstand nicht und wundere mich nicht über Sachen, die mich
eigentlich hellhörig machen müssten. Davor bin ich geschützt, wenn ich z.B.
eine Ahnung vom Hospizgedanken, von Hospizbegleitung, von den Strukturen der
Hospizbewegung oder ein wenig von Pflege und vom Gesundheitswesen verstehe.
Dann weiß ich, wovon meine Supervisanden sprechen.
Viel wichtiger scheint mir, nicht zu sehr mit den Ränken und Strukturen
des je konkreten Vereins vermengt zu sein. Ich
weiß aus eigener Erfahrung, dass ich mir dann mit viel Energie den Abstand
zum Geschehen einreden und ihn imaginieren oder künstlich herstellen muss.
Denn Supervision braucht Distanz, Deshalb sitzt der Affe ja auf dem Baum und
schaut von oben auf das Geschehen.
Als jemand, der betriebsintern Supervision in der Diakonie anbietet, weiß
ich, wie viel Disziplin das erfordert.
Gerade jungen Vereinen oder solchen, die mal wieder den Supervisor wechseln,
empfehle ich den Blick in den Nachbarort. Auch dort findet man Supervisoren.
Vielleicht kann der Supervisor aus unserer Strasse dafür bei den dortigen
Kollegen die Supervision übernehmen.
Wir sind am Schluss.
Ich hoffe, diese Ausführungen haben deutlich gemacht, dass niemand Angst
oder Scheu vor Supervision haben muss. Supervision kann anstrengend oder
auch mal frustrierend und schmerzlich sein. Sie ist aber auch erfrischend
und ermutigend. Wir haben schon viel gelacht in Supervision-Sitzungen im
Hospizverein!
Nein, Angst muss niemand haben. Eher wird mir bange, wenn man Menschen zu
Menschen schickt,
ohne ihnen supervisorische Begleitung zur
Seite zu stellen. Davor habe ich Angst, weil die Dramatik, die dies bedeuten
kann, oft über lange Zeit ein stille und unbemerkte Dramatik ist. Und wenn
dann der Knall kommt, wenn der Helfer aufgibt, wenn die Begleitung
abgebrochen werden muss, wenn sich der Patient beschwert oder wenn der
Verein das Gefühl hat, so geht es nicht weiter, dann ist der Kummer oft
groß. Das ist schade.
Davor kann Supervision bewahren.
Ich hoffe, für diese lohnende und bereichernde Form einer qualifizierten
"Hilfe für Helfer" etwas geworben zu haben.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Literatur und Anmerkungen:
Literatur zur Supervision gibt es inzwischen in Fülle. Sie hier zu nennen
wäre für Laien langweilig und für Fachleute stellenweise auch (man kennt die
klassischen Standardwerke).
Literatur zur Supervision im Feld des Palliative Care und der Hospizarbeit gibt
es bisher kaum.
Ich habe mich für diesen Vortrag und seine Verschriftlichung entschlossen, vorab
die wenigen Schriften zu nennen, die ich direkt dazu verwendet habe und dann in
den Anmerkungen nur jeweils kurz die genaue Angabe zu machen.
"Organisation – Supervision – Coaching"
OSC ist eine der führenden Zeitschriften auf dem Supervisionsfeld und erscheint im Verlag Leske&Budrich, Leverkusen; ISSN 1618-808XHERBERT EFFINGER
Reflexion berufsbezogenen Handelns? Ja, aber wie?
In: OSC 3/02; S. 245 – 269GERHARD FATZER (hg)
Supervision und Beratung
Ed. Humanistische Psychologie; Köln 2000 (9.Auflage)NORBERT FLAMME
Coaches – Gurus in Nadelstreifen?
In: OSC 3/02; S. 205 – 215BERNHARD HEILMANN
Qualitätssicherung am Beispiel von Supervision in der ambulanten ehrenamtlichen Hospizarbeit -- erschienen in einem Reader des Diakonischen Werkes der EKD Hospizarbeit in Diakonie und Kirche – Reflexionen und Konkretionen
(hg) KOTTNICK; Stuttgart 2002; S. 100 – 105ROSS LAZAR
Das Verstehen psychodynamischer Prozesse als Aufgabe der Supervision
In: Wege zum Menschen, Heft 4/Mai 1997,
Vandenhoeck&Rupprecht, Göttingen; S. 188-213REINHARD MIETHNER (& HERMAN ANDRIESSEN)
Praxis der Supervision
Asanger; Heidelberg 1993SEPP RAISCHL et.al.
Supervision für ehrenamtliche HospizhelferInnen
Arbeitspapier des Christophorus Hospizvereins, München vom 12.3.2002ASTRID SCHREYÖGG
Die Differenz zwischen Supervision und Coaching
In: OSC 3/03 S. 217 – 226MICHAEL SPOHR (†)
Ausbildung und Begleitung im ambulanten Hospizdienst
In: DETER/SANDER/TERJUNG (hg) Die Kraft des Personzentrierten Ansatzes – Praxis und Anwendungsgebiete; Köln 1977: S. 113-124JOCHEN STEURER
Supervision und/oder Praxisbegleitung in der ambulanten Hospizarbeit? Aktuelle Aspekte auf dem Hintergrund der Neufassung von § 39 a SGB V
Abschlussarbeit im Rahmen der Supervisions-Ausbildung am isp des Rauhen Hauses, Hamburg 2002
Anmerkungen:
(1) SPOHR S. 120
(2) Das Wort Supervision kommt aus dem
Lateinischen. THOMAS KLINK, ein amerikanischer Supervisor, der viele
entscheidende Anstöße für das Verständnis von Supervision in der
Seelsorgeausbildung gegeben hat, stellt fest, dass der Begriff Supervision zum
ersten Mal bei H. ANSLEY in seinem Buch "Epistorium Accadian" 1554 vorkommt.
Dort bezeichnet es die Leitung und Kontrolle von gesetzlichen,
kirchenrechtlichen oder testamentarischen Prozessen. Ein Supervisor ist einer,
"der zum Zweck der Korrektur liest". Dann findet sich der Begriff bei
Shakespeare im Othello 1623. Dort wird er in der wörtlichen Bedeutung gebraucht
"übersehen, ignorieren". KLINK stellt fest, dass sich diese Themen durchgehalten
haben. Es geht bei Supervision um einen Prozess des Lernens und Korrigierens,
und um einen Stil der selektiven Zuwendung, die den Elementen gilt, die
übersehen werden könnten.
(3) Dazu sehr eindrücklich: MIETHNER, S.
37 – 42
(4) EFFINGER S. 246-263
(5) Siehe dazu SCHREYÖGG, sowie das ganz
aktuelle Heft OSC 3/2003
(6) STEURER S. 10/11
(7) siehe dazu STEURER S. 4f
(8) ausführlich begründet und dargestellt
bei LAZAR
(9) Zitiert in einer Rezension in OSC
3/2002 S. 297
(10) FLAMME S. 213
(11) Siehe dazu RAISCHL
(12) SPOHR S. 115




